Was Du beachten darfst, wenn Du ehrlich zu anderen bist

Foto: unsplash.com (many thanks to Christoffer Engström :)
Foto: unsplash.com (many thanks to Christoffer Engström :)

 

"Ehrlich währt am längsten", lautet ein Sprichwort, und jeder kennt wohl die unangenehmen Folgen, wenn man einmal seine Wahrheit nicht mitteilt oder es verpasst hat. Es können unangenehme Missverständnisse oder Verstrickungen entstehen. Aus einer solchen Situation wieder heraus-zukommen, gestaltet sich dann mitunter schwierig.

 

Ich erinnere mich an eine Erzählung meines Vaters. Einige Zeit nach seiner Ankunft in Deutschland in den 1970er Jahren war er bei einem amerikanischen Ehepaar eingeladen. Er bekam Pancakes (Eierpfannkuchen) mit viel klebrigem Ahornsirup vorgesetzt und traute sich nicht abzulehnen. Dabei hasste er den Geschmack von Ahornsirup!

„Schmeckt es?“ fragte die Gastgeberin.


"Echt super!"
schauspielerte mein Vater höflich. BÄM! Schon landeten drei weitere Pfannkuchen auf seinem Teller, die er mit Mühe und Not herunterwürgte...

 

Besser ehrlich zu sein ist in meinen Augen auch besonders in Streitgesprächen wichtig, z. B. mit dem Partner. Der Harmonie wegen und um des lieben Friedens willen nachzugeben und Dinge zu tun, die einem im Grunde widerstreben, wirkt sich negativ auf den eigenen Energielevel aus.

 

Irgendwann fällt dieser so stark ab, dass es nicht mehr auszuhalten ist, denn früher oder später drängt die Wahrheit unaufhaltsam ans Licht. Ich kenne eine Frau, die mit ihrem Ehemann im Urlaub jahrelang zum Skifahren ging, obwohl sie die Kälte nicht ausstehen konnte und statt dessen viel lieber Zeit am südländischen Meer verbracht hätte...

 

Die Angst, seine Liebsten zu enttäuschen, ist wahrscheinlich der hauptsächliche Grund für viele Kompromisse. Aber was bringt es langfristig? Nichts! Nur eine scheinbare Harmonie. Fliegt die Illusion dann auf, ist die Enttäuschung groß...

 

Egal, ob im privaten oder beruflichen Bereich: Immer mehr Menschen sind auf dem Weg, ihre Integrität im Leben zu erhöhen. Integer zu sein heißt, konsequent ehrlich zu sein. Sie haben die Nase voll von Diplomatie, strategischer Lobhudelei, anerzogener Höflichkeit, falschen Komplimenten u.v.m.

 

Wer sich traut, Wahrhaftigkeit zu leben, ehrlich zu sagen, was er fühlt oder denkt, der fördert die eigene seelische Entwicklung und die der anderen. Auch wenn dieser Weg in der heutigen Zeit schwierig erscheint, auf Dauer erspart er einem z. B. falsche Freunde, unbefriedigende Beziehungen und anderes mehr.

 

Die Wahrheit ist letztendlich heilsam und erlösend (bei lange gehegten Geheimnissen), auch wenn der Kopf annimmt, man könnte sie nicht vertragen...

 

 

Was erlebt man jedoch oft, wenn man Integrität lebt? Nicht jeder kann mit der Wahrheit umgehen!

Manche reagieren erstaunt, gekränkt oder beleidigt und verunsichern damit vielleicht ihr Gegenüber. Ich persönlich beneide die Menschen, die sich darüber überhaupt keine Gedanken mehr machen, was andere von ihnen denken. Hin und wieder ertappe ich mich dabei, dass das bei mir noch nicht zu 100 % funktioniert. Ich arbeite jedoch daran, ablehnende Reaktionen auszuhalten.

 

Übrigens treffen wir manchmal auch auf Menschen, die positiv mit Kritik umgehen und uns sagen: "Vielen Dank, dass du so ehrlich zu mir bist!"

 

Es gibt einen positiven Glaubenssatz des innerwise Entwicklers Uwe Albrecht, der mir sehr gut gefällt (er steht auf einer Testkarte seiner "Heilapotheke" - ein kleines Heilsystem für den Hausgebrauch). Ich teste und gleiche ihn gerne bei mir selbst und bei meinen Klienten aus, die manchmal zögern oder noch Ängste haben, schonungslos ehrlich zu kommunizieren. Man kann diesen Satz mit dem Armlängentest nachprüfen:

 

Langfristig ist es notwendig, sich von der Sorge zu befreien, ob andere mit der von mir geäußerten Wahrheit umgehen können. Für mich selbst habe ich erkannt, dass es wichtig ist, welche Worte ich dabei wähle. Auch weitere Faktoren spielen eine Rolle.

 

 

Hier meine Anregungen, wenn Du zu anderen ehrlich bist:

1. Prüfe, ob der Zeitpunkt richtig ist!

Wie oft setzen wir an und wollen unsere ehrliche Meinung kundtun, zögern jedoch. Warum? Es hat immer einen Grund, der sich dem Verstand mitunter nicht gleich erschließt. Manchmal ist der Zeitpunkt der falsche. Vielleicht fühlt man, dass das Gegenüber noch nicht offen dafür ist, die Wahrheit jetzt zu hören (z. B. in Zeiten von Stress oder wenn man wegen eines Konfliktes oder irgendwelcher Probleme angespannt ist).

 

Es kann sein, dass noch etwas heranreifen muss: Möglicherweise weißt Du noch nicht genau, WIE Du Deine Wahrheit ausdrückst. Eventuell braucht es noch weitere Details bzw. Infos, damit Deine Botschaft auch wirklich komplett übermittelt werden kann...

 

Wer auf sein Innerstes hört, der wird fühlen, wann es optimal ist, seine ehrliche Meinung zu äußern.

 

 

2. Äußere Deine Wahrheit, ohne andere zu verletzen. Finde Worte, die der andere annehmen kann

Ich bin in Bayern aufgewachsen, dort gibt es Einheimische, die geradeaus sagen, was sie denken. Dieser Direktheit fehlt manchmal das Feingefühl, aber ich finde es am Ende doch besser so.

 

Alles hängt vom Charakter ab, und es geht für mich auch um Authentizität. Ein simples Beispiel aus meiner früheren Arbeit als Gastronom: Ich beschäftigte einmal einen 15-jährigen Praktikanten, der nicht sicher war, ob er Kellner werden wollte. Bei einer Veranstaltung - es war ein heißer Sommertag und gab viel zu tun - schwitzten wir alle. Dabei stellte ich fest, dass der Praktikant gehörig muffelte. Anfangs war es mir peinlich, dieses Thema anzusprechen. Doch der unerträgliche Geruch, den sicherlich auch meine Gäste registrierten, zwang mich dazu. Ehrlichkeit war hier von Nöten. Hätte ich einen rüpelhaften Charakter, hätte ich vielleicht sagen können: "Du stinkst!"

 

Das wäre zwar ehrlich, aber doch sehr abfällig gewesen. Ich fand es besser zu sagen: "Du, ich rate dir dringend, dein Deo zu überprüfen, es wirkt nicht! Es ist jetzt besser, dass du schnell nach Hause gehst und erst wieder hier herkommst, wenn du geduscht und umgezogen bist!"

 

Den Menschen trotz seines Mankos wertzuschätzen, war mir einfach wichtig...

 

 

3. Verzichte auf Kritik und Vorwürfe

Wir sind alle so unterschiedlich, und jeder hat andere Vorgehensweisen bei der Erledigung seiner Aufgaben. Oft gibt das Handeln des anderen Anlass zu Kritik - das ist nicht zu verhindern.

 

Mir ist klar geworden: Direkt geäußerte Kritik führt häufig dazu, dass sich der Kritisierte angegriffen fühlt. Vorwürfe schaffen viel Druck, der ein entspanntes Miteinander verhindert. In den meisten Partnerschaften oder Beziehungen kritisiert man sich gegenseitig sehr oft. Hinter Vorwürfen steckt eine Energie, die nicht liebevoll und wohlwollend ist. So sind längere Konflikte vorprogrammiert.

 

"Wie? Aber Kritik ist doch wichtig? Wie soll man sich da verbessern?" denkst Du jetzt?

 

Früher habe ich regelmäßig kritisiert, auch in Gedanken. Mein innerer Richter war stark: Zu allem und jedem hatte ich einen Einwand parat. Doch das brachte meinen Fokus immer mehr weg vom Positiven. Das Verurteilen raubt auf Dauer Energie, und das, was Du denkst, strahlst Du auch aus. Auf diese Weise schaffst Du Dir nach dem natürlichen Gesetz der Resonanz selbst ein Feld, welches Dir das beschert, worauf Du Dich konzentrierst: nämlich Negatives und Anlässe zu noch mehr Kritik, ein Teufelskreis. (Am Ende ist man nur noch verbittert, weil alles augenscheinlich schlecht ist...)

 

Noch heute bin ich nicht frei von kritischen Gedanken - das gebe ich offen zu. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich ansetzen und dies und das kritisieren will. Verbesserungsvorschläge hingegen kann man immer geben, es kommt nur darauf an, wie man seine Meinung anbringt. Inspiriere lieber mit einer Anmerkung oder einer Frage, wie z. B. den folgenden:

 

"Findest du nicht, dass eine andere Methode leichter für Dich wäre?"

 

"Wäre es nicht besser, Deine Vorgehensweise zu überdenken?"

 

(statt: "So wie Du es machst, ist es total kompliziert!" Oder: "Das finde ich nicht richtig / schlecht etc.!")

 

So kann man eine gleichberechtigte Diskussion einleiten, ohne dass sich jemand attackiert fühlt und sein Tun zu rechtfertigen beginnt...

 

 

4. Vermeide die Du-Form, verwende die Ich-Form und sprich von Deinen Gefühlen

"Du bist unmöglich!" / "Du verstehst mich nicht!" / "Das hast du falsch gemacht!" / "Du machst mich krank!"

 

Diese Art der Kritik ist wie ein Pfeil, der mitten ins Herz trifft und einen Alarmzustand hervorruft. Das sind Sätze, die den anderen beschuldigen. Und Schuldgefühle wurden in uns schon genügend in der Kinderzeit produziert. Als Erwachsene brauchen wir sie nicht auch noch. Schuld fühlt sich echt unangenehm an, deshalb verzichte darauf, sie in anderen hervorzurufen. Sprich lieber von:

 

"Ich habe das Gefühl, dass..." / "Mir kommt es so vor, als würdest Du..."

"Bitte sag mir, wenn ich mich täusche..." (könnte noch hinzugefügt werden)

 

Um konkreter zu werden, wie wäre es z. B. mit:

 

"Es kommt mir so vor, als würden wir aneinander vorbeireden..." oder:

"Bitte hinterfrage Deine Vorgehensweise, denn ich fühle mich..."?

 

Übrigens: Es ist ratsam, im Streitgespräch besser seine Wünsche anstatt Forderungen zu äußern.


"Ich würde mir von Dir wünschen, dass..." kreiert deutlich weniger Druck als:
"Ich will, dass Du sofort etwas änderst, weil ich sonst..."

 


Ich selbst wäre früher nie auf solche Einleitungen gekommen. Sondern in meiner Wut, schoss es oft nur aus mir heraus. Da hilft nur lieber vorher ein paar Mal tief ein- und ausatmen ;)

 

Finde Formulierungen, die zu Dir passen und bei denen Du Deine Authentizität behältst...

 

Hast Du noch weitere Vorschläge, die die Kommunikation untereinander sanfter und konstruktiver machen können? Dann freue ich mich auf Kommentare.

 

 

5. Lass dem anderen nach Deinen Anmerkungen Zeit

Erwarte nicht, dass Dein Gegenüber Deine Inspiration sofort integriert bzw. umsetzt! Ideen, die geäußert werden, müssen oft erst im Gedankensystem wirken. Das kann einige Tage dauern.

 

Hinzu kommt, dass Menschen nach einer Kritik ungerne sofort zugeben: "Du hast Recht!" Bei vielen werden durch einen Vorwurf verborgene Themen, die mit Selbstliebe und Selbstvertrauen zu tun haben, getriggert. Da rebelliert schnell der Organismus instinktiv...

 

Ich habe es selbst erfahren: Der Kampf ums Recht ist immer anstrengend. In vielen Streitgesprächen (z. B. mit meinem Zwillingsbruder) versuchte ich mein Recht zu bekommen, doch das brachte nichts, und darum ging es auch nicht wirklich.

 

Mach´s anders als ich früher: Bestehe nicht darauf, dass Dein Streitpartner sofort einsieht, worum es Dir geht. Äußere Deine Wahrheit und lass Zeit vergehen. Wer das schon einmal erlebt hat und weiß, dass Geduld in der Konfliktlösung eine wichtige Tugend ist, erspart sich viel Stress.

 

 

Auch wenn es manchmal kniffelig wird, trau Dich, Ehrlichkeit / Integrität zu leben.

Ich achte auf meine Wortwahl, aber ich habe keinen Bock mehr, diplomatisch zu sein...

 

Ich wünsche allen effektive und versöhnliche Diskussionen, die erlauben, dass jeder seine Meinung und Wahrheit vertreten darf.

 

Und wenn einmal die Emotionen hochkochen und einem der Kragen platzt (ist ja auch menschlich), dann wäre es schön, wenn man sich nach einer Auseinandersetzung wieder verträgt...

 

 

Integrität ist noch mehr als ehrlich zu sein, wer mehr zu diesem Thema erfahren will, dem empfehle ich:

Integrity is my way - die 8 Prinzipien

 

 

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